Eine im Jahr 2025 im World Journal of Surgery veröffentlichte prospective, randomisierte klinische Studie untersuchte erstmals den Einfluss einer gezielten, hochdosierten Vitamin-D3-Einnahme während einer neoadjuvanten Chemo- bzw. Systemtherapie (NST) bei Brustkrebspatientinnen.
Medizinischer Hintergrund: Was bedeutet „Pathologische Vollremission“ (pCR)?
Bei einer neoadjuvanten Systemtherapie (NST) erhalten Patientinnen die medikamentöse Behandlung (z. B. Chemotherapie) vor der geplanten Operation, um den Tumor zu verkleinern.
Das primäre Ziel dieser Behandlung ist das Erreichen einer sogenannten pathologischen Vollremission (pCR). Von einer pCR spricht man, wenn bei der anschließenden Operation mikroskopisch keine aktiven invasiven Krebszellen mehr im entfernten Brustgewebe und in den Lymphknoten nachweisbar sind. Das Erreichen einer pCR gilt in der Onkologie als wichtiger Indikator für eine deutlich verbesserte Langzeitüberlebensrate.
Studiendesign und Methodik
Die Studie wurde zwischen Juni 2019 und Juni 2023 am Istanbul Florence Nightingale Hospital durchgeführt:
-
Teilnehmende: Insgesamt 227 Brustkrebspatientinnen im Alter von 24 bis 74 Jahren, die eine neoadjuvante Therapie erhielten.
-
Studiengruppe (n = 114): Erhielt während der gesamten Dauer der Therapie zusätzlich einmal wöchentlich oral 50.000 IE Vitamin D3 (Cholecalciferol).
-
Kontrollgruppe (n = 113): Erhielt die Standardtherapie ohne Vitamin-D-Supplementierung.
-
Messung: Der Vitamin-D-Spiegel im Blut (25(OH)D) wurde bei allen Patientinnen exakt vor Beginn sowie nach Abschluss der neoadjuvanten Therapie gemessen.
Die zentralen Studienergebnisse im Detail
1. Signifikant höhere Rate an pathologischen Vollremissionen (pCR)
In der primären Auswertung zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen:
-
Mit Vitamin D3: 39,5 % der Patientinnen (45 von 114) erreichten eine pathologische Vollremission.
-
Ohne Vitamin D3: 16,8 % der Patientinnen (19 von 113) erreichten eine pCR.
In der multivariaten Analyse – bei der störende Einflussfaktoren wie Alter, Tumorstadium und Hormonrezeptorstatus statistisch herausgerechnet wurden – zeigte sich, dass die Einnahme von Vitamin D3 die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen einer pCR mehr als verdoppelte (Odds Ratio: 2,33)
2. Differenzierte Betrachtung nach Tumoreigenschaften
Die Detailanalyse ergab, dass die Vitamin-D-Gabe in bestimmten Subgruppen besonders deutliche Effekte zeigte:
-
Tumore mit hoher Teilungsrate: Hier verbesserte die Vitamin-D-Gabe die pCR-Rate signifikant. Bei Tumoren mit niedriger Teilungsrate war dieser Effekt statistisch nicht signifikant.
-
Hormonrezeptor-negative Tumore sowie HER2-positive / Tripel-negative Tumore: In beiden Subgruppen führte die Vitamin-D-Einnahme zu einer signifikanten Erhöhung der Remissionsraten.
3. Befund in den Achsellymphknoten (Axilläre pCR)
Bei Patientinnen, bei denen vor der Therapie ein Befall der Achsellymphknoten festgestellt worden war (n = 197), lag die Befundfreiheit der Lymphknoten nach der Therapie in der Vitamin-D-Gruppe bei 42,7 % gegenüber 30,9 % in der Kontrollgruppe. Dieser Trend verfehlte knapp die statistische Signifikanzschwelle (p = 0,085), weist jedoch auf eine positive Tendenz hin.
4. Brusterhaltende Operationen & Überlebensraten
-
Brusterhaltende Eingriffe: Patientinnen der Studiengruppe konnten signifikant häufiger brusterhaltend operiert werden (Lumpektomie: 64,8 % vs. 46,0 %; p = 0,001).
-
5-Jahres-Gesamtüberleben: In der Vitamin-D-Gruppe lag die 5-Jahres-Überlebensrate bei 86,1 % verglichen mit 78,4 % in der Kontrollgruppe. Dieser Unterschied zeigte eine positive Tendenz, erreichte jedoch aufgrund der Gruppengröße und Nachbeobachtungszeit noch keine statistische Signifikanz (p = 0,06).
5. Verträglichkeit und Sicherheit
Während des Studienzeitraums wurden in keiner der beiden Gruppen unerwünschte Nebenwirkungen oder Vergiftungserscheinungen (Hyperkalzämie) durch die hochdosierte wöchentliche Vitamin-D-Gabe beobachtet.
Mögliche Wirkmechanismen
Labor- und Tierstudien legen nahe, dass Vitamin D3 (bzw. seine aktive Form Calcitriol) Tumorzellen empfindlicher für Chemotherapeutika (wie Anthracycline oder Taxane) macht. Zu den vermuteten Zellmechanismen gehören:
-
Förderung des programmierten Zelltods (Apoptose) in Krebszellen.
-
Hemmung von Zellteilung, Tumorwachstum und Gefäßneubildung (Angiogenese).
-
Gezielte Beeinflussung von Brustkrebs-Stammzellen.
Wichtiger Hinweis zur Interpretation (Rechtliche Einordnung)
Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine Erststudie an einem einzelnen Zentrum (227 Probandinnen). Die Autorinnen und Autoren betonen, dass Multizenterstudien mit größeren Patientenzahlen notwendig sind, um diese Ergebnisse zu bestätigen und genaue Dosierungsempfehlungen abzuleiten.
Wichtiger Hinweis: Vitamin D ist kein eigenständiges Heilmittel gegen Krebs, sondern wurde in dieser Studie ausschließlich begleitend zu einer medizinisch indizierten Chemotherapie unter ärztlicher Kontrolle untersucht. Eine Einnahme hochdosierter Präparate sollte stets in Absprache mit dem behandelnden Onkologen erfolgen.
Quelle:
Vitamin D Supplementation During Neoadjuvant Chemotherapy for Breast Cancer Improves Pathological Complete Response: A Prospective Randomized Clinical Trial: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wjs.12587
